DIE GRÜNEN IM KREIS RAVENSBURG

Toni Hofreiter warnt vor „Doppelverglasung des Planeten“

„Wie wirkt CO2? Wie ein Gewächshaus. Licht kommt herein und verwandelt sich in Wärmestrahlung. Und diese Wärme hält CO2 zurück. Wie das Glas in einem Gewächshaus. Wir haben so viel CO2 in die Luft geblasen, dass wir jetzt von der Einfach-Verglasung zur Doppel-Verglasung gekommen sind.“

Mit diesem anschaulichen Beispiel eröffnete Toni Hofreiter, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag, seinen Vortrag im Bio-Adler in Vogt.

Hofreiter war auf Einladung von Agnieszka Brugger ins württembergische Allgäu gekommen. Beide besuchten den Bio-Imker Raphael Buck, der in der Region mehr als 250 Völker bewirtschaftet und von seiner Imkerei mittlerweile lebt. Und sie ließen sich über den Demeter-Hof Marktanner von Julian Niessen führen, der in unmittelbarer Nähe von Vogt liegt.

Agnieszka Brugger und Toni Hofreiter waren nicht wenig überrascht, als sich der Saal im Vogter Adler innerhalb weniger Minuten bis auf den letzten Platz füllte. Beide dankten denn auch mehrfach den Organisator*innen der Kreisverbände Ravensburg und Wangen für die gute Vorbereitung und Werbung.

Zuvor hatte Imker Buck Agnieszka und Toni ganz unmittelbar an seiner und der seiner Bienen Arbeit teilhaben lassen. Aus nur wenigen Zentimetern Abstand konnten die Abgeordneten die Bienen beim Wabenbau beobachten. Buck warnte eindringlich davor, „sich einfach hobby-mäßig ein Volk in den Vorgarten zu stellen und dann anzufangen.“ Er selbst hat eine mehrjährige, gründliche Ausbildung zum Profi-Imker hinter sich. Großes Interesse zeigten Agnieszka Brugger und Toni Hofreiter auch an der Arbeit des Marktanner-Hofs. Dort gibt es Mutter-Kuh-Haltung, ein paar Schweine, zwei Pferde, Gemüse-Anbau und einen schönen Hofladen, in dem vor allem die eigene, frische Ware verkauft wird. Toni Hofreiter, promovierter Biologe, fachsimpelte mit Landwirt Niessen über Weidehaltung, Tomatensorten, Beheizung und Bewässerung von Gewächshäusern und die notwendige Bodenbeschaffenheit.

Den Abend im Adler eröffnete Carmen Kremer, Vorsitzende des KV Ravensburg und gebürtige Vogterin. Carmen hatte Toni zuvor im Elektroauto vom Ravensburger Bahnhof abgeholt. Und Toni hatte, als er auf dem Adler-Parkplatz Ladesäulen für Elektroautos entdeckte, einen wunderbaren Anknüpfungspunkt für seinen Vortrag unter dem Titel „Warum es keinen Planenten B gibt“.

Er zeigte sich zuversichtlich, dass das Ziel, ab 2030 nur noch Autos mit Elektroantrieb zu bauen, eingehalten werden könne. Er warnte eindringlich davor, es wieder aufzugeben und erzählte, wie er in letzter Zeit in absolut alltagstauglichen und bereits bezahlbaren Elektroautos mit genügend Reichweite unterwegs war – keines davon allerdings von einem deutschen Hersteller. Das habe die deutsche Autoindustrie verschlafen. Sie argumentiere immer noch damit, dass sie Arbeitsplätze erhalte, indem sie weiter Autos mit Verbrennungsmotor baue: „Das Gegenteil ist der Fall. Wenn wir nicht jetzt umsteuern, sind bald alle Arbeitsplätze in der deutschen Autoindustrie weg.“

Hofreiter forderte zudem sehr viel höhere Investitionen in die Schienen-Infrastruktur, um endlich wirklich mehr Güter auf die Schiene zu bringen. Die Spediteure würden sehr wohl mehr mit der Bahn zusammenarbeiten – „aber die Bahn hat ja die Kapazitäten gar nicht“, betonte er. Aber selbst eine Verdopplung würde nicht reichen, den Anteil der Straßenverkehrs unter 70% zu drücken - daher müsse es eben auch darum gehen, den Straßenverkehr effizienter und emissionsfreier zu machen.

Dass die deutsche Industrie die technologischen Herausforderungen beim Umstieg auf die Elektromobilität bewältigen kann, davon ist Toni Hofreiter fest überzeugt. Er verweist auf die „einzigartige Erfolgsgeschichte“ der erneuerbaren Energien. „Photovoltaik und Windenergie – darin ist doch Deutschland weltweit führend“, sagte er. Noch vor wenigen Jahren habe man es für unvorstellbar gehalten, dass man heute schon mit Sonne und Wind Strom am günstigsten erzeugen könne. Überall in der Welt werde Deutschland für diesen epochalen Technologie-Schub gelobt: „Aber Deutschland hält sich selbst auf in Sachen Klimaschutz“, stellte er fest. „Hier haben wir enormen Nachholbedarf. Denn ob man Klimaschutz wirklich macht oder von Klimaschutz nur redet, das merkt man an einer Zahl ganz genau. Nehmen Sie den Jahres-CO2-Ausstoß in Deutschland. Der war 2016 immer noch genau so hoch wie 2009.“

Toni wich in der anschließenden Diskussion keiner Frage aus und zeigte sich als vielseitiger Experte. So legte er beispielsweise dar, dass ungeschützte Mittelspannungsleitungen bis zu hundert Mal gefährlicher für fliegende Schwarzstörche sind als Windräder, die für den Tod so vieler Vögel verantwortlich gemacht werden: „Man kann Windkraft und Vogelschutz sehr wohl miteinander kombinieren – wenn man es richtig anfängt“.  Bei der Biomasse-Förderung habe man sicher Fehler gemacht - dennoch habe sie weiter ihren Platz, wenn sie nicht für die Grundlast hergenommen würde, sondern für die Regelenergie, und sich wieder auf die Verarbeitung von Reststoffen konzentriere. Fehler zu machen, sei bei einem gesamtgesellschaftlichen Projekt wie diesem wohl unvermeidlich - aber ungleich besser, als nichts zu tun und die Küstenstädte untergehen zu lassen.