DIE GRÜNEN IM KREIS RAVENSBURG

Ohne Vogelgezwitscher ins neue Jahr – was können wir für die Natur tun?

Der Ravensburger Kreisverband Bündnis 90/Die Grünen startete mit einem Podiumsgespräch zum Thema „Frühling ohne Vogelgezwitscher?“ ins neue Jahr. In Ravensburg diskutierte im Club Kantine ein mit Maria Heubuch MdEP (Grüne), Waldemar Westermayer (Vorsitzender Bauernverband Allgäu-Oberschwaben), Ulfried Miller (Geschäftsführer BUND Bodensee-Oberschwaben), und dem Vogter Imker Raphael Buck hochkarätig besetztes Podium vor und mit gut 80 Interessierten, was der Rückgang der Artenvielfalt bedeutet und welche Veränderungen in der Agrarpolitik zum Erhalt der Biodiversität beitragen könnten.

Die EU-Abgeordnete der Grünen, Maria Heubuch, skizzierte eingangs die Situation der Landwirtschaft. Sie sprach über Herausforderungen und darüber, wie sich das Blatt noch wenden lässt. Ihre Bestandsaufnahme: In den letzten Krisenjahren haben in Deutschland im Schnitt elf Milchviehbetriebe pro Tag aufgegeben. Aus wirtschaftlichen Gründen stehen viele bäuerliche Betriebe vor der Entscheidung: Aufgeben oder weiter wachsen. Der Trend geht zu immer größeren Betrieben. Feldraine und Blühstreifen rechnen sich im globalen Wettbewerb für die unter Preisdruck stehenden Landwirte nicht. Sie verzichten daher auf das Anlegen solcher kleinen Biotope.

Aus betriebswirtschaftlichen Gründen wird auch das umstrittene Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat eingesetzt. Dies sei ein Indikator für den Zustand der Landwirtschaft, so Maria Heubuch. Die Zustimmung des kommisarischen Landwirtschaftsministers Christian Schmidt (CSU) zur Verlängerung des Glyphosat-Einsatzes bezeichnete Maria Heubuch als „Ungeheuerlichkeit“ und „Weihnachtsgeschenk für die Agroindustrie“. Die Folge der aktuellen Entwicklung sind, wie die Europa-Abgeordnete aufzeigte, ruinierte Böden und das Verschwinden von Arten. Zugleich wies sie aber darauf hin, dass sich die Maschinenhersteller bereits auf eine erwartete Trendwende einstellen, in der verbesserte mechanische Bodenbearbeitung den Glyphosat-Einsatz überflüssig machen könnte.

Die agroindustrielle Tierhaltung sieht die EU-Abgeordnete als nicht mehr „gesellschaftsfähig“ an. Allerdings könnten viele Tierhalter den Umstieg nicht ohne finanzielle Hilfe stemmen. Maria Heubuch beschrieb die weltweiten Zusammenhänge und Folgen einer globalisierten industriellen Landwirtschaft: Nährstoffe werden als Futtermittelimporte rund um den Globus transportiert. Die Gülle bleibe in Deutschland und Europa und belaste Boden und Wasser mit Nitraten. Äußerst kritisch sieht Maria Heubuch aber auch teils subventionierte Überschussexporte aus der EU zum Beispiel nach Afrika, wo die eingeführten Lebensmittel wie Milchprodukte oder Hühnerteile die dortigen Märkte störten. „So weitermachen ist keine Option“, erklärte Maria Heubuch.

Für die Artenvielfalt gelte, so die Europapolitikerin, dass sie in klein strukturierter Landwirtschaft am höchsten sei -  bio oder konventionell spiele dagegen nur eine untergeordnete Rolle. Bei klein strukturiertem Landbau wie in unserer Region sei die Artenvielfalt um 25 Prozent größer als bei Biobetrieben mit großen Strukturen wie z.B. in Mecklenburg-Vorpommern.

Daher seien Änderungen in der europäischen Agrarpolitik dringend geboten. Bisher gingen immer noch 80 Prozent der Förderung an 20 Prozent der Betriebe. Dabei handelt es sich um riesige Summen, um etwa 40 Prozent der gesamten EU-Haushaltsmittel. Eine Förderperiode dauert jeweils sieben Jahre, so Maria Heubuch. Ab ab 2021 wird die gemeinsame Agrarpolitik (GAP) wieder neu ausgerichtet. Darin sieht die Politikerin der Grünen eine Chance. In diesem Frühjahr beginnen erste Gespräche. „Wir müssen Vielfalt schaffen auf allen Ebenen“, forderte die EU-Abgeordnete in ihrem Impulsvortrag mit Blick auf die Agrarpolitik.

Waldemar Westermayer, Vorsitzender des Bauernverbands Allgäu-Oberschwaben, sieht die Landwirtschaft nicht als alleinige Verursacherin des Schwunds insbesondere von Vogelarten. Er nannte zwar Monokulturen, aber auch die Zunahme des Bibers, der Lebensräume für andere Tiere zerstöre, und von Krähen, die zu einer Verringerung bei Wiesenbrütern führe als Verursacher. „Insektensterben spielt beim Vogelsterben eine Rolle, ist aber nicht an allem schuld“, so Westermayer.

Ulfried Miller, Geschäftsführer des BUND Bodensee-Oberschwaben, widersprach Westermayer. Er sagte, die Landwirtschaft sei ein Hauptplayer. Den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und die Stickstoffüberschüsse sieht er kritisch. Ein Hauptproblem sei aber auch die Zersiedlung der Landschaft. Im Planungszeitraum des neu aufzustellenden Regionalplans würden im Bereich des Regionalverbands Bodensee-Oberschwaben umgerechnet 30 landwirtschaftliche Betriebe „überbaut“, um Flächen für Wohnungsbau und Gewerbe zu schaffen. Zu den Akteuren, die durch ihr Einkaufsverhalten Einfluss auf das Artensterben nehmen können, gehören laut Miller auch die Verbraucher.

Imker Raphael Buck wies u.a. darauf an, dass die Honigbiene eine von 570 Bienenarten bei uns ist. Unter dem Verlust von Lebensraum leide daher weniger die Honigbiene, sondern vor allem die Wildbienenarten.

Auf die von Moderatorin Carmen Kremer vom Kreisvorstand der Grünen Ravensburg abschliessend gestellte Frage, was sie jeweils ganz persönlich in den kommenden Wochen und Monaten gegen das Insekten- und Vogelsterben unternehmen wollen, gaben die Podiumsteilnehmer unterschiedliche Antworten: Waldemar Westermayer setzt sich 2018 für Blühstreifen ein. Raphael Buck möchte Imker besser ausbilden, damit sie ihre Bienen besser über den Winter bringen, und Streuobstbäume pflegen. Ulfried Miller wird eine Stellungsnahme zum Regionalplan abgeben, beim Streuobst „Gas geben“ und mit Schülern neue Streuobstbäume pflanzen. Maria Heubuch will sich im EU-Parlament für eine andere Agrarpolitik und andere landwirtschaftliche Strukturen einsetzen. „Wir müssen über die Methoden der Landwirtschaft reden und auch im Kleinen anfangen.“ Notwendig sei Handeln auf allen Ebenen.