Antrag zur Erinnerung der Stadt an ihre nationalsozialistische Vergangenheit

Ravensburg setzt sich seit vielen Jahren intensiv mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit und mit dem Gedenken an die Opfer nationalsozialistischer Herrschaft auseinander. Zuletzt ergänzt durch den Baustein des individuellen Gedenkens an Mitbürgerinnen und Mitbürger, die im Rahmen der Euthanasie-Aktion ermordet wurden.

Wir beantragen, dass im Arbeitskreis Erinnerungskultur über den Umgang mit der Person des Bürgermeister Rudolf Walzer beraten wird. Rudolf Walzer war Bürgermeister von 1932 bis 1945, also eine zentrale Gestalt der Ravensburger Stadtgeschichte. Sein Bild hängt derzeit ohne jegliche Kommentierung in der Galerie der Bürgermeister im kleinen Sitzungssaal des Rathauses. Angeregt durch die intensive Auseinandersetzung in Bodnegg, sollte überlegt werden, ob eine unkommentierte „Würdigung“ gerechtfertigt ist.

Wir denken, dass vor allem angesichts seiner in den ersten Amtsjahren deutlichen Begeisterung für den Nationalsozialismus, für die Person Adolf Hitlers und einer bekennenden Rassenideologie ein Erläuterungstext erforderlich wäre. Zumindest bis Kriegsbeginn ist er als bekennender Nationalsozialist in Erscheinung getreten. Auch antisemitische Aussagen sind bekannt, in denen er die Deportation eines jüdischen Ravensburger Schriftstellers und seiner nichtjüdischen Ehefrau in ein Konzentrationslager in Kauf nahm (siehe Artikel Dr. Peter Eitel in „Ravensburg im 3. Reich“).

In seinem Beitrag „ Rudolf Walzer – Ravensburgs Bürgermeister im Dritten Reich“ hat Peter Eitel anschaulich die Person Rudolf Walzer beschrieben und den Versuch eines „gerechten Urteils“ unternommen. Seine Aussage „Der Ravensburger Bürgermeister der Jahre 1933 bis 1945 ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie schwer es damals für einen politischen Amtsträger war, seinen aufrechten Gang zu behalten“ verstehen wir als Mahnung gegenüber Tendenzen der heutigen Zeit.

Gerade in Zeiten wieder aufkeimender nationalistischer und teilweise sogar nationalsozialistischer Tendenzen ist es uns ein Anliegen, uns damit auseinanderzusetzen, wie sich einzelne Menschen in antidemokratischen Systemen verhielten und die Erinnerung an die Zeiten menschenverachtender Strukturen wach zu halten.

„Bilder haben immer den Charakter einer Ehrung“ sagte der Historiker Strittmatter in seinen Ausführungen im Gemeinderat Bodnegg, wo ebenfalls das Thema Auseinandersetzung mit einem nationalsozialistischen Bürgermeister intensiv diskutiert wird. Im Gegensatz zu Anton Blaser wird Rudolf Walzer in der Literatur nicht als denunzierender Nationalsozialist beschrieben, der aus tiefster Überzeugung zur Umsetzung nationalsozialistischen Gedankenguts beitrug. Trotzdem erachten wir es als notwendig, dass geprüft wird, ob in der Galerie der Bürgermeister ein Text zu seinem Wirken im 3. Reich ergänzt wird.

Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen

Maria Weithmann

Ravensburg, 19.01.2019

 

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